Soziales

Was passiert, wenn jemand alleine stirbt?

Blumen liegen auf nackten Gräbern
Florian Riesterer

Innerhalb weniger Minuten beerdigt Pfarrerin Susanne Schramm zehn Menschen. Sie erklärt, warum solche Beerdigungen nötig sind.

„Asche zu Asche“. Susanne Schramm wirft mit der Schaufel eine kleine Menge Erde in das Loch vor ihr. „Staub zu Staub“. Die Pfarrerin geht ein, zwei Schritte weiter und beugt sich über das nächste Urnengrab auf dem Ludwigshafener Hauptfriedhof.

Zehn Menschen beerdigt Schramm an diesem Tag innerhalb weniger Minuten. Je eine Gerbera liegt neben einem der zehn Löcher, bringt etwas Farbe in die nackte, geharkte Erde. Irgendwann soll sie mit Rasen bepflanzt sein.

Rund 120 Menschen sterben jährlich alleine

Menschen stehen mit Pfarrerin am Grab
Marco Ohmer
Pfarrerin Susanne Schramm spricht für jeden Toten letzte Worte.

„Zehn ganz unterschiedliche Leben und Schicksale. Zehn Urnen, zehn verstorbene Menschen, die sich im Leben wahrscheinlich nicht gekannt haben.“ So drückt es Susanne Schramm wenige Minuten zuvor in der Trauerhalle aus.

Nur eine Handvoll Menschen sitzen in den Stuhlreihen. Sie begleiten zusammen mit der Pfarrerin und zwei Friedhofsmitarbeitern die Toten auf ihrer letzten Reise. Es sind Menschen, um die sich nach dem Tod niemand der Angehörigen gekümmert hat. Oder, wie es Gabriele Bindert, Leiterin des Bereichs Grünflächen und Friedhöfe in Ludwigshafen, nüchterner ausdrückt: Bestattungen der öffentlichen Ordnung. Rund 120 zählt die Stadt am Rhein pro Jahr.

Die Stadt muss sich um die Toten kümmern

Gabriele Bindert spricht auf dem Hauptfriedhof Ludwigshafen
Marco Ohmer
Gabriele Bindert und ihr Friedhofsteam suchen nach Angehörigen.

Hinter dem technischen Begriff verbirgt sich viel Detektivarbeit. „Die Polizei informiert uns und wir müssen schauen, dass wir den Verstorbenen abholen und innerhalb von zehn Tagen beisetzen oder für die Kremierung sorgen“, sagt Gabriele Bindert. So schreibt es das Bestattungsgesetz Rheinland-Pfalz vor.

Gleichzeitig beginnt die Suche nach Verwandten. Die müssten in solch einem Fall nämlich für eine Bestattung aufkommen. Ansonsten bleibt die Stadt Ludwigshafen auf den Kosten sitzen.

Mit 3.200 Euro schlägt die günstigste Variante zu Buche. Grundsätzlich ist hier ein Urnengrab vorgesehen. Schließlich kann dann bis zur Beisetzung mehr Zeit verstreichen.

Viele Gründe für den Kontaktabbruch

Urnen stehen in der Trauerhalle
Marco Ohmer
10 bis 15 Menschen werden in jeder Trauerfeier verabschiedet.

Und die brauchen Gabriele Bindert und ihr Team. Stadtweit, bundesweit, ja weltweit suchen die Friedhofsabteilungsmitarbeitenden nach sogenannten Totenfürsorgeberechtigten. In rund 50 Prozent der Fälle werden sie fündig. Die weiteste Recherche führte bis Australien.

„Aber diese Menschen kommen nicht zur Bestattung.“ Schließlich habe es in der Regel einen Grund, warum der Kontakt zu Verwandten abgebrochen ist. „Meine Eltern haben sich noch nie gekümmert“, hört sie. „Ich bin bei anderen aufgewachsen“, oder auch „wir haben uns furchtbar zerstritten“.

Und immer wieder weigerten sich solche Angehörige, die Bestattungskosten zu übernehmen. „Diese Fälle entscheidet dann das Rechtsamt.“

Alleine mit der Urne

Egal wie das Urteil ausfällt: In jedem Fall informiert der Friedhof Angehörige, versucht herauszufinden, wer Interesse hätte, an der Beerdigung teilzunehmen. Immer wieder sei es dennoch vorgekommen, dass Friedhofsmitarbeitende alleine mit der Urne am Grab gestanden hätten. „Bedrückend“ schildert es Friedhofsmitarbeiter Ralf Mendel.

Würdevolle Beerdigung statt Massengrab

Trauerhalle auf dem Hauptfriedhof Ludwigshafen
Florian Riesterer
Ort des Abschieds: Die Trauerhalle.

Deshalb stieß Pfarrerin Susanne Schramm mit ihrer Idee einer monatlichen Trauerfeier auf dem Friedhof bei Gabriele Bindert auf offene Ohren. Immer am letzten Dienstag im Monat macht sie sich nun im Wechsel mit ihrem katholischen Kollegen auf den Weg nach Ludwigshafen-West.

Schon eine halbe Stunde vor Beginn ist sie vor Ort, beantwortet Fragen der Besucher. Ein Paar fragt nach dem Namen eines Toten, der aber in diesem Monat noch nicht bestattet wird – und macht wieder kehrt. Eine andere Frau will besorgt wissen, ob alle Urnen in einer Art Massengrab beigesetzt werden. Schramm kann die Befürchtung entkräften.

Eine Trauerrede für zehn Verstorbene

Statue einer sitzenden Person
Florian Riesterer
Die Besucherinnen und Besucher wollen Trost, sagt Pfarrerin Susanne Schramm.

In ihrer kurzen Ansprache redet die Pfarrerin von der Zerbrechlichkeit eines jeden Lebens, vom Trost, den jene suchen, die gekommen sind. „Ich meine, das ist schon komisch, Leute beizusetzen, über die man gar nichts weiß“, sagt sie. Niemand könne ihr sagen, ob der oder die Tote gläubig war.

So spricht sie zwar als Christin, will aber niemandem ihre Sicht der Dinge überstülpen. Und dann ist da die Herausforderung, über zehn Menschen gleichzeitig zu sprechen. „Also versuche ich Bilder zu benutzen, bei denen die Leute anfangen können, sie für sich zu füllen“, sagt Schramm. Das Allerwichtigste:

Dass niemand vergessen wird in der Stadt.

Friedhofsmitarbeiter trägt Urnen
Marco Ohmer
Mit einem Fahrzeug bringen die Mitarbeitenden die Urnen zum Gräberfeld.

Ob unter den Menschen, die ihren Worten lauschen, Angehörige, Nachbarn oder doch Kollegen sind, bleibt an diesem Tag offen. Kalt lässt die Beerdigung die Besucher nicht. Augen sind gerötet, Taschentücher werden weitergereicht.

Einen Namen nach dem anderen liest die Pfarrerin vor, dazu das Alter. Jedes Mal tritt einer der beiden Friedhofsmitarbeiter vor, deutet eine Verbeugung an und trägt eine der Urnen auf den Friedhofswagen, dem am Ende alle zum Grab folgen.

Nach den letzten Worten Schramms leert sich der Friedhof schnell. Lediglich eine Frau unterhält sich noch kurz mit der Pfarrerin.

Sorgen von der Seele reden

„Viele erzählen mir hinterher, wenn die Bestattung rum ist, ihre eigene Lebensgeschichte", sagt Schramm später. Manchmal habe sie das Gefühl, dass dabei auch ein Stück Rechtfertigung mitschwinge: Wie das kam, dass der- oder diejenige so ganz alleine starb. „Das sind wirklich ziemlich viele Lebensgeschichten mit Brüchen.“ Noch eines der Bilder, die Schramm in ihrer Trauerfeier verwendet.

Trauern um die Toten

Kreuz auf dem Friedhof in Ludwigshafen
Florian Riesterer
Die Stadt denkt über eine Erinnerungs-Stele mit Namen zum Gedenken auf dem Friedhof nach.

Demnächst soll es eine Erinnerungsstele mit den Namen der Toten geben, sagt Gabriele Bindert. Und einen Sammelplatz zum Gedenken. „Weil wir merken, dass es den Menschen ganz wichtig ist, vor Ort trauern zu können, vor Ort ein paar Blumen hinlegen zu können.“

Susanne Schramm wiederum überlegt, hinterher vielleicht noch etwas wie einen Beerdigungskaffee anzubieten. Das Thema Tod treibt die Menschen um. Wie viele zur Trauerfeier am letzten Dienstag des Monats kommen, weiß die Pfarrerin vorher nie. Vor gänzlich leeren Stuhlreihen hat sie allerdings noch nie gesprochen. „Aber selbst wenn, wäre es, glaube ich, trotzdem eine würdevolle Sache, das so zu tun.“