Gesellschaft

Kinder als WhatsApp-Influencer: Die unterschätze Gefahr

Jugendliche steht in ihrem Zimmer vor einem Smartphone auf Stativ und Ringlicht, winkt in die Kamera und nimmt etwas auf.
gettyimages/AnnaStills

WhatsApp wirkt privat. Doch neue Kanäle machen Inhalte öffentlich – auch von Kindern. Warum das möglich ist und welche Risiken dahinterstecken.

Du hast WhatsApp auf dem Handy? Wahrscheinlich: Die App ist praktisch, funktioniert auf allen Geräten gleichermaßen und Texten, Sprachnachrichten senden oder Videotelefonie gehört für viele zum Alltag

Screenshot eines Social-Media-Posts in einem WhatsApp-Kanal mit zwei Beiträgen untereinander.  Oberer Beitrag: Ein Spiegel-Selfie: Eine Person steht vor einem Schminktisch und fotografiert sich mit dem Smartphone. Das Gesicht ist durch eine grafische Illustration (Emoji-artiger Avatar) überdeckt. Die Person hat schulterlange braune Haare und trägt ein schwarzes, langärmliges Oberteil.  Im Vordergrund ist ein weißer Schminktisch mit Spiegel zu sehen. Darauf liegen verschiedene Kosmetik- und Pflegeprodukte, u. a.:  mehrere Fläschchen und Tiegel (Creme, Spray, Flüssigkeiten) ein Pinsel ein Lipgloss oder kleines Fläschchen ein Haar- oder Styling-Tool Auf dem Tisch steht der Schriftzug „FENCHILIN“.  Im Hintergrund ist ein Schlafzimmer zu erkennen: ein Bett mit Kissen, ein Dachschrägen-Raum und ein weißes Möbelstück (Kommode oder Regal).  Unter dem Bild steht der Text: „Guten Morgen ☀️ Bin jz schon länger wach & habe mich auch schon fertig gemacht 💞🙈 gehe jz nach oben & esse wasss 🎀💫 Bis später <3“  Rechts unten steht die Uhrzeit „07:08“. Darunter Reaktionen: Herz, Herzaugen und Schleifen-Emoji mit insgesamt „1,5 Tsd.“ Reaktionen.  Unterer Beitrag: Text: „Heyy 🫶 Bin jz back von der schuleee 🎀 war eig vc okeyyy 💫🙈 um 13:40 kommt mein Bus, bin dann endlich zuhause 😍“  Rechts daneben steht „13:30“. Darunter Reaktionen mit Emojis (Herz, Daumen hoch, Kamera, Herz-Hand) und der Zahl „800“.
Screenshot/Clarissa Weber

WhatsApp wirkt dabei sehr privat – schließlich braucht man die Handynummer einer Person, um ihr zu schreiben.

Was in WhatsApp-Kanälen noch drinsteckt

Aber unter dem Reiter „Aktuelles“ versteckt sich eine Funktion, die viele Eltern wohl noch gar nicht kennen: die sogenannten WhatsApp-Kanäle. Sie dienen der Information über aktuelles Weltgeschehen, Hobbies und Alltag. Zwischen Tagesschau-Updates, Airfryer-Rezepten und Technik-Tipps findest du dort auch Kanäle, die nur aus einem Namen und vielen Emojis bestehen. Dahinter verbergen sich oft Kinder und Jugendliche, die dort in einer Art digitalem Tagebuch ihr Leben teilen.

Was sind WhatsApp-Kanäle?

WhatsApp-Kanäle (Channel) gibt es seit 2023. Sie funktionieren als Einbahnstraße. Follower können nur per Emoji reagieren, abstimmen oder Fragen stellen. 
📱 weltweit öffentlich auffindbar 
👤 Follower bleiben (meist) anonym für den Kanal-Betreiber 
💾 Inhalte lassen sich speichern und weiterleiten 
🔒 Funktion ist nicht deaktivierbar 

💬 Nachrichten bleiben für neue Follower 30 Tage gespeichert, ältere Follower sehen alles.

WhatsApp ist kein Nebenschauplatz. Die JIM-Studie zeigt: Für Jugendliche ist es die meistgenutzte App überhaupt. Eine aktuelle Untersuchung der Landesanstalt für Medien NRW beschreibt die Plattform sogar als zentralen Ort ihres digitalen Alltags.

Das Kinderzimmer wird zum Studio

In ihren Kinderzimmern drehen Mädchen dabei eher Beauty- und Lifestyle-Inhalte wie „Hauls“ (Einkaufsberichte), Jungs berichten eher über Sport oder tanzen zu Musikschnipseln. Sie teilen, wann in der Schule Klassenarbeiten geschrieben werden, wann in der Familie etwas Besonderes passiert, aber auch Körpergröße, Gewicht, Fotos mit der besten Freundin – und manchmal sogar Schicksalsschläge oder Gesundheitsdetails.

Screenshot mehrerer aufeinanderfolgender Frage-und-Antwort-Beiträge in einem WhatsApp-Kanal. Die Beiträge sind als einzelne, abgerundete Textfelder untereinander angeordnet. Jeder Abschnitt beginnt mit einem grauen Hinweis: „Stellt gerne paar Fragen … werde Mby ein paar beantworten“ (der Satz ist abgeschnitten).  Erster Abschnitt: Frage: „hast du geschwister“ Antwort: „Ja hab einen großen bruderrr“ gefolgt von einem weißen Herz-Emoji. Rechts daneben steht die Uhrzeit „19:53“. Darunter Reaktionsleiste mit Emojis (u. a. Herz, erstauntes Gesicht, Daumen hoch) und der Zahl „345“.  Zweiter Abschnitt: Frage: „Hattest du schon mal einen Freund?“ Antwort: „Ja hatte ich schon mal“ mit Herz-Hand-Emoji. Rechts daneben ebenfalls „19:53“. Darunter Reaktionen mit Emojis (Herz, zwinkerndes Gesicht, erstauntes Gesicht, Daumen hoch) und der Zahl „443“.  Dritter Abschnitt: Frage: „Wie bist du darauf gekommen einem WhatsApp Kanal zu erstellen? Ps: Liebe deine Videos“ gefolgt von mehreren Herz- und Glitzer-Emojis. Antwort (längerer Text): Die Person schreibt, dass sie schon immer gern geredet, Videos gemacht und ihr Leben mit anderen geteilt habe. Dann sei die neue Funktion auf WhatsApp gekommen, sie habe aus Spaß angefangen und dadurch eine „tolle Community“ bekommen, mit Herz-Emoji am Ende. Rechts daneben steht „19:55“. Darunter Reaktionen mit Emojis (Herz, weinendes Gesicht, Kiwi-Emoji, brennendes Herz) und der Zahl „466“.  Vierter Abschnitt (unten angeschnitten): Frage: „Fav Film und Serie?“ Darunter beginnt die Antwort: „Also hab nur nh fav Serie, und zwar …“, der Rest ist im Bild nicht sichtbar.
Screenshot/Clarissa Weber
Screenshot mehrerer Frage-und-Antwort-Beiträge aus einem WhatsApp-Kanal, dargestellt als untereinander angeordnete Textfelder. Jeder Abschnitt beginnt mit dem Hinweis „Stellt gerne paar Fragen … werde Mby ein paar beantworten“ (teilweise abgeschnitten).  Erster Abschnitt: Frage: „Was ist dein fav Make-up Produkt?“ mit zwei Herz-Emojis. Antwort: „Mascara“ gefolgt von Herz-Hand-Emoji und einem bittenden Gesicht. Rechts daneben steht die Uhrzeit „20:09“. Darunter Reaktionen mit Emojis (Herz, Daumen hoch, Lippenstift) und der Zahl „596“.  Zweiter Abschnitt: Frage: „Was ist dein Lieblings essen?“ mit Schüssel-Emoji. Antwort: „Gute Frage … hab kein richtiges fav essen, würde eif mal sagen Pizza“ mit Pizza- und Herz-Emoji. Rechts daneben „20:15“. Darunter Reaktionen mit Emojis (Herz, Sushi, Pizza, Burger) und der Zahl „518“.  Dritter Abschnitt: Frage: „Was ist deine fav Jahreszeit?“ Darunter ein kurzer eingeschobener Text: „Meine Frühling“ mit Blumen- und Rosen-Emoji sowie ein abgeschnittener Anfang „A…“. Antwort darunter: „Meine ist Frühling, weil ich im Frühling geboren binn“ mit Herz-Hand-Emoji. Rechts daneben „20:16“. Darunter Reaktionen mit Emojis (Herz, Strand-Sonne, Schneeflocke) und der Zahl „580“.  Vierter Abschnitt: Frage: „In welche Klasse gehst du?“ Antwort: „Gehe in die 7c“ mit Herz-Hand-Emoji. Rechts daneben „20:18“. Darunter Reaktionen mit Emojis (Herz, Zahlen-Emojis „6“ und „7“) und der Angabe „1,3 Tsd.“ (etwa 1300 Reaktionen).
Screenshot/Clarissa Weber
Screenshot von zwei längeren Frage-und-Antwort-Beiträgen in einem WhatsApp-Kanal, jeweils in separaten, abgerundeten Textfeldern dargestellt. Über beiden Fragen steht der Hinweis „Diese Meldung wurde gelöscht.“  Erster Abschnitt: Frage: „Wie reagieren eigentlich deine Klassenkameraden dazu??? Hast du keien Angst oder so???“ gefolgt von weinenden Emojis. Danach: „Weil hätte echt schiss so ein Kanal zu führen“ und ein senkrechter Strich. Anschließend ein positives Feedback: „Aber cool das du dich traust und so einen guten Erfolg hast mit dem Kanal“ mit Herz-Hand-Emoji.  Antwort: Die Person schreibt, dass nur ein paar Leute aus ihrem Umfeld den Kanal abonniert haben, vor allem Freundinnen, die es „ganz cool“ finden. Auch einige aus Parallelklassen hätten abonniert. Sie sagt, sie habe keine Angst und beschreibt sich als „ziemlich selbstbewusst“, ergänzt mit zwei Herz-Emojis.  Unten steht „Bearbeitet 15:03“. Darunter Reaktionen mit Emojis (Herz, Daumen hoch, erstauntes Gesicht, betende Hände) und der Zahl „32“.  Zweiter Abschnitt: Frage: „Wie oft musst du eig. tänze aufnehmen bevor du sie postest schaffst du manchmal auch one take“ gefolgt von: „Ps: Liebe deinen Kanal“ mit lächelndem Gesicht mit Herz und Herzaugen-Emoji.  Antwort: Die Person erklärt, dass sie früher oft „one take“ aufgenommen hat, inzwischen aber möchte, dass es so gut wie möglich ist. Deshalb könne es vorkommen, dass sie bis zu 15 Versuche braucht. Als Gründe nennt sie unter anderem Haare im Gesicht oder sich zu vertanzen. Zusätzlich schreibt sie, dass die ersten drei Aufnahmen eher zum Üben und zum Anschauen sind. Die Antwort endet mit Herz-Emoji.
Screenshot/Clarissa Weber

Es sind vor allem Mädchen zwischen 11 und 15 Jahren, die solche Kanäle betreiben – oft nach dem Vorbild großer Influencer auf TikTok oder Instagram.

Kinder als Influencer: auf WhatsApp

Was auf TikTok, Instagram oder YouTube längst bekannt und reguliert ist, findet auf WhatsApp weitgehend unbemerkt statt. 

Soziologin und YouTuberin Jen K. Hügel kennt das Phänomen schon länger: 10- bis 15-Jährige betreiben Kanäle, auf denen sie ihr Privatleben teilen – teils mit mehreren zehntausend Abonnenten.

Was Fremde über ein Kind herausfinden können

Screenshot einer Social-Media-Umfrage im Dark Mode. Oben steht die Frage: „Wie alt seid ihr eigentlich?“ gefolgt von einem nachdenkenden Emoji und einer Krone. Darunter der Hinweis: „Wähle eine Option aus.“  Es gibt fünf Antwortoptionen, jeweils mit einem Kreis zum Auswählen links, einem Flammen-Emoji neben der Altersangabe und einer horizontalen Abstimmungsleiste:  „Unter 10“ mit 24 Stimmen; die Leiste ist nur minimal gefüllt. „10–12“ mit 924 Stimmen; die Leiste ist etwa zu drei Vierteln gefüllt. „13–15“ mit „1,1 Tsd.“ Stimmen (also rund 1100); die Leiste ist fast vollständig gefüllt und deutlich am längsten. „16–17“ mit 32 Stimmen; die Leiste ist sehr kurz. „18+“ mit 19 Stimmen; ebenfalls eine sehr kurze Leiste.  Die Balken sind in einem lila Farbton dargestellt, der Hintergrund ist schwarz.  Unten rechts steht eine Uhrzeit „20:00“. Darunter sind Reaktionssymbole zu sehen: ein Herz mit der Zahl 2, ein Ring-Emoji ohne sichtbare Zahl und ein Flammen-Emoji mit der Zahl 65. Daneben befindet sich ein Pfeil-Symbol zum Teilen.  Unterhalb der Umfrage ist ein Datumslabel „Samstag“ zu sehen, gefolgt von einem weiteren schwarzen Textfeld mit einer Nachricht (nur teilweise im Bild sichtbar).
Screenshot/ Clarissa Weber

Hügel hat über mehrere Monate einen solchen Kanal beobachtet. Sie hat dokumentiert, was alle von Helena* (Name von Hügel geändert) allein durch das Mitlesen erfahren können:

  • 13 Jahre alt
  • lebt in der Schweiz
  • geht auf die Realschule
  • singt und spielt Gitarre
  • hat einen Hund

Helena schickte ihren fast 42.000 Followern bis zu zwölf Nachrichten pro Tag.

Helena ist kein Einzelfall. Eine eigene indeon-Recherche zeigt Lina* (die folgenden Namen haben wir von der indeon-Redaktion geändert), gerade 13 geworden, geht in die siebte Klasse, teilt ihren Alltag. Oder Nina*, Yola*, Lara* und ein paar andere Mädchen, die gemeinsam auf einem Kanal jeden Tag mehrere, teils bearbeitete, Turn-Videos zeigen. Sowohl Trainings- als auch Wettkampfausschnitte. 

Oder Leon*, der sein Leben nicht nur auf WhatsApp teilt, sondern auch auf Twitch, Instagram, YouTube und TikTok aktiv ist und sogar einen eigenen Podcast hat – mit gerade 14 Jahren. All diese Kinder und Jugendlichen sind mit ihrem privaten Alltag öffentlich sichtbar – für jeden.

Screenshot einer Kanal-Info-Seite in einer Social-Media-App. Oben steht ein teilweise geschwärzter Kanalname, daneben Schneeflocken- und Flammen-Emoji. Darunter die Angabe „18.858 Follower*innen“.  Es folgen vier Schaltflächen mit Icons: „Abonniert“ (mit Häkchen), „Weiterleiten“, „Teilen“ und „Suchen“.  Darunter ein längerer Beschreibungstext mit Emojis:  „→100% DUMM“ mit Flammen- und Pflanzen-Emoji „ZIEL → ENDE 2026 50.000 FOLLOWER SONST“ mit schockierten Emojis, danach „… ihr werdet sehen“ mit Schweige- und Wolken-Emoji  Abschnitt „ÜBER DEN KANAL“ mit Pfeil-Emojis nach unten:  „ICH [Name geschwärzt] 14 Jahre“ „poste“ „Videos“ mit Kamera-Emoji „Real Life & Storytimes“ „und Joa“ mit Basketball-, Tennisball- und Kamera-Emoji, ergänzt um „bissle Sport“  Darunter: „MEIN INSTAGRAMM:“ gefolgt von einem geschwärzten Nutzernamen.  Nächster Abschnitt: „NEW PODCAST:“ mit Mikrofon-Emoji und Pfeil nach unten. Auflistung von Plattformen mit farbigen Kreisen:  „SPOTIFY“ (grün) „APPLE PODCAST“ (lila) „AMAZON MUSIC“ (blau) jeweils mit Pfeil nach unten.  Ein Link darunter ist teilweise geschwärzt.
Screenshot/Clarissa Weber

Sexuell aufgeladene Reaktionen – ein unterschätztes Problem

Bei den Reaktionen auf Kanal-Posts sind neben harmlosen Herzchen auch Emojis dabei, die eindeutig auch eine sexuelle Bedeutung haben: Das Auberginen-Emoji steht für das männliche Geschlechtsteil, drei Wassertropfen für Ejakulat, der Pfirsich für den Po und die Kirschen für die weibliche Brust.

Dass solche Reaktionen auf Fotos von 11- bis 14-Jährigen auftauchen, zeigt: Diese Kinder werden von Erwachsenen wahrgenommen – auf eine Art, die ihnen oft nicht bewusst ist.

Screenshot einer Übersicht von Emoji-Reaktionen zu einem Beitrag. Oben steht zentriert „2.607 Reaktionen“, darunter ist die Zahl mit einem roten Strich unterstrichen.  Darunter folgt ein Raster aus mehreren Reihen mit ovalen Feldern. In jedem Feld steht links ein Emoji und rechts die Anzahl, wie oft dieses Emoji verwendet wurde.  Obere Einträge (mit den meisten Reaktionen):  Herz-Emoji: „1,2 Tsd.“ (ca. 1200) Kronen-Emoji: „517“ Herzaugen-Emoji: „248“  Weitere häufigere Reaktionen:  Graues Herz: „83“ Übelkeits-Emoji: „77“ Jeans-Emoji: „32“ „18 verboten“-Symbol: „27“ Daumen hoch: „23“ Durchgestrichenes Lautsprecher-Emoji: „23“ Zwei Herzen: „18“ Skeptisches Gesicht: „18“  Mittlere Werte:  Fragezeichen: „14“ Lachendes Emoji mit Tränen: „13“ Brennendes Herz: „10“ Katzen-Herzaugen-Emoji: „9“ Daumen runter: „8“ Nagellack-Emoji: „8“ Augenroll-Emoji: „8“ Betende Hände: „8“ Herz-Hand-Emoji: „8“ Brief mit Herz: „7“ Mittelfinger: „7“ Orang-Utan-Emoji: „7“  Niedrigere Werte (teilweise rot eingekreist im Bild):  Auberginen-Emoji: „5“ (rot markiert) Schulgebäude: „5“ Handzeichen „okay“: „5“ Zahl „7“: „4“ Kreuz: „4“ Frau mit Hand am Kopf: „4“ Krone: „4“ Totenkopf: „4“ Tanzende Frau: „4“ Kussmund: „4“ (rot markiert) Funkelndes Herz: „4“ Überraschtes Gesicht: „4“ Grünes krankes Gesicht: „4“  Weitere Einträge:  Rotes Herz: „3“ Kirschen: „3“ (rot markiert) Filmkamera: „3“ Nase: „3“ Zerbrochenes Herz: „3“ Sonnenbrillen-Smiley: „3“ Kuss-Emoji: „3“ Weinendes Gesicht: „3“ Zeigefinger: „3“ Heißes Gesicht mit Zunge: „3“ (rot markiert) Neutrales Gesicht: „3“ Weißes Quadrat: „2“  Unterste Reihen:  Springbrunnen: „2“ „A“-Button: „2“ Pfirsich-Emoji: „2“ (rot markiert) Fleischstück: „2“ Bierkrug: „2“ Klatschende Hände: „2“ Ring: „2“ Lila Herz: „2“ Kackhaufen: „2“ „100“-Symbol: „2“ Wiederholen-Pfeile: „2“ Glocke mit Strich: „2“  Mehrere Emojis (Aubergine, Kirschen, Kussmund, heißes Gesicht, Pfirsich) sind mit roten Kreisen hervorgehoben.
Screenshot/Clarissa Weber

Wenn anonyme Fragen gefährlich werden

Bevor WhatsApp eine eigene Frage-Funktion in die Kanäle eingebunden hat, haben viele Kinder externe Fragetools – zum Beispiel cloud.fun – eingebunden. 

Screenshot mehrerer Frage-und-Antwort-Beiträge in einem WhatsApp-Kanal, dargestellt als untereinander angeordnete Textfelder.  Erster Abschnitt: Frage: „Heyy findest du 62kg fett?“ gefolgt von „Liebe deinen kanall“ mit Hand- und Herz-Emoji.  Antwort: Die Person schreibt, dass 62 kg „nicht fett“ seien und betont, dass jede Person auf ihre Art schön ist. Sie ergänzt, dass Aussehen weniger wichtig sei als Charakter und dass es darauf ankomme, sich bei einer Person wohlzufühlen. Der Text enthält mehrere Emojis (weinendes Gesicht, Herz, betende Hände, Herz am Ende). Rechts unten steht die Uhrzeit „15:17“. Darunter Reaktionen mit Emojis (Herz, weinendes Gesicht, Herz, Daumen hoch) und der Zahl „913“.  Zweiter Abschnitt: Frage: „Wie lange brauchst du eigentlich um deine Videos zu bearbeiten? Also so ein langes und ein kurzes? Würde mich voll über eine Antwort freuen“ mit zwei Herz-Emojis.  Antwort:  Für ein kurzes Video: etwa 20 Minuten, abhängig davon, ob etwas eingeblendet wird oder Sounds genutzt werden. Für ein längeres Video (ca. 10 Minuten): etwa 1 Stunde 30 Minuten, da mehrere Teile geschnitten und Inhalte eingefügt werden. Die Antwort endet mit Affen- und Herz-Emoji. Rechts unten steht „15:22“. Darunter Reaktionen mit Emojis (Herz, Muskel, erstauntes Gesicht, Daumen hoch) und der Zahl „740“.  Dritter Abschnitt (unten angeschnitten): Frage: „mit welcher app bearbeitest du deine vids“ Antwort beginnt mit: „Benutze immer CapCut, aber manche …“, der Rest ist im Bild nicht sichtbar.
Screenshot/Clarissa Weber

Eine der wenigen Möglichkeiten, um außerhalb von Abstimmungen und Emoji-Reaktionen mit den Followern zu interagieren. Damit können Follower beispielsweise anonym Fragen stellen, die der Kanalbetreiber dann öffentlich beantworten kann.

Jen K. Hügel hat dabei beobachtet, dass diese Fragen vollständig ungefiltert sind und von neugierig bis hin zu Beleidigungen, Drohungen und sexuellen Anspielungen reichen: „Wann hast du Geburtstag?“ – „Hast du dich schon mal schwer verletzt?“ – „Wann kommt dein heißestes Tanzvideo?“ – „Wie breit ist dein Intimbereich?“

Das sind reale Fragen, die an die Kinder gestellt wurden. Die Betreiberinnen dieser Kanäle sind teilweise erst 10 Jahre alt.

Während der indeon-Recherche ist eine weitere Gefahr aufgefallen: Einige Kinder posten in ihren Kanälen Einladungslinks zu WhatsApp-Chatgruppen – zum Beispiel, um sich über eine Lieblingsserie auszutauschen. 

Weitere Recherchen zu Whats-App-Kanälen

Auch das NDR-Medienmagazin ZAPP zeigt: Inhalte aus WhatsApp-Kanälen von Kindern tauchen in pädosexuellen Foren auf. Experte Matthias Moßbrucker warnt: Je offener sich Kinder zeigen, desto größer das Risiko, dass ihre Bilder weiterverbreitet werden – ohne ihr Wissen.

Video: Gefahr auf WhatsApp: Diese Videos sind für Täter „Gold“

Was dabei aber unbeachtet bleibt: In solchen Gruppen werden die Handynummern aller Teilnehmenden sichtbar

All diese Risiken sind kein Zufall. Die Studie der Landesanstalt Medien NRW benennt folgende Punkte als strukturelle Probleme bei WhatsApp-Kanälen:

  • Fehlende Alterskontrollen
  • Datenschutzrisiken
  • Konfrontation mit problematischen Inhalten
  • Mobbing

Der Druck hinter den Kulissen

Warum betreiben Kinder solche Kanäle überhaupt? Ein Grund: Orientierung und Zugehörigkeit. Die Studie aus NRW zeigt, dass Jugendliche solche Kanäle auch nutzen, um sich mit anderen zu vergleichen und Teil einer Community zu sein.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist der soziale Druck durch das Follower-System. Ab etwa 1.000 Abonnenten werden Kanäle von WhatsApp selbst vorgeschlagen. Um diesen Stellenwert zu erreichen, treten viele Kinder sogenannten Push-Gruppen bei.

Wer sichtbar bleiben will, muss regelmäßig posten – das kostet Zeit und Nerven, besonders während der Schulzeit und wenn Klassenarbeiten geschrieben werden.

Screenshot von zwei Frage-und-Antwort-Beiträgen in einem WhatsApp-Kanal, untereinander dargestellt. Der untere Beitrag ist zusätzlich mit einem roten Rahmen hervorgehoben.  Oberer Abschnitt: Frage: „Findest du das schlimm wenn man dir Sachen nachkauft … weil ich die richtig schön finde“ mit Herz-Emoji.  Antwort: Die Person schreibt, dass sie es „überhaupt nicht schlimm“ findet. Sie erklärt, dass sie Dinge bewusst zeigt und auch sagt, woher sie sind. Gleichzeitig erwähnt sie, dass sie nicht immer alle Fragen zu Outfits beantworten kann, weil es sehr viele sind. Der Text enthält mehrere Emojis (lächelndes Gesicht, nachdenkliches/erschrockenes Gesicht, Herz). Rechts unten steht die Uhrzeit „22:49“. Darunter Reaktionen mit Emojis (Herz, lächelndes Gesicht, Herz, Daumen hoch) und der Zahl „674“.  Unterer Abschnitt (rot umrandet): Frage: Eine längere Nachricht: Die schreibende Person berichtet, dass sie in der Schule gemobbt wird, nach Hause kommt und dann die Videos schaut, die ihr helfen zu lachen. Außerdem schreibt sie, dass ihre Mutter vor etwa zwei Wochen gestorben ist und dass die positiven Inhalte ihr helfen. Der Text bricht am Ende ab.  Antwort: Die Kanalbetreiberin reagiert mit Mitgefühl („das tut mir echt leid“) und ermutigt die Person, den Kopf nicht hängen zu lassen. Sie schreibt, dass Mobber „ein Problem mit sich selbst“ hätten und dass sie sich freut, mit ihren Videos Freude machen zu können. Sie betont, dass sie deshalb mit dem Kanal nicht aufhören möchte und spricht von einem „Safeplace“, ergänzt mit einem weißen Herz-Emoji. Rechts unten steht die Uhrzeit „23:33“.
Screenshot/Clarissa Weber

Hinzu kommt: Wenn der Kanal erstmal läuft, erhöht der Erfolg den sozialen Druck. Einfach Löschen könnte sich falsch anfühlen. In einem Fall während der Recherche schrieb eine Followerin an eine junge Kanal-Betreiberin: „Ich werde in der Schule immer gemobbt, aber wenn ich nach Hause komme und deine Videos sehe, hab ich einen Grund zum Lachen.“ 

Soziologin Jen K. Hügel berichtet in ihrem Tincon-Vortrag 2025 über einen noch krasseren Fall: Dort schrieb eine junge Followerin einer Kanalbetreiberin, dass sie ihr über Suizid-Gedanken hinweggeholfen habe. Wenn sie den Kanal lösche, wüsste sie nicht, was sie dann mache.

Das ist eine riesige emotionale Last für ein Kind, das vielleicht gerade mal 13 Jahre alt ist.

Und was macht Meta? Es schaut weg – bislang

Meta, der Mutterkonzern von WhatsApp, formuliert es so: Der Kanalbetreiber sei „gemeinsam mit allen Kanaladmins dafür verantwortlich, die Inhalte für Follower sicher, relevant und altersgerecht zu gestalten“. Die Verantwortung liege also beim Kind.

Dabei sind die Regeln eigentlich klar: WhatsApp ist offiziell erst ab 13 Jahren erlaubt, EU-weit brauchen Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren die Zustimmung ihrer Eltern. Ein Problem daran: Es wird nicht kontrolliert.

WhatsApp führt Eltern-verwaltete Konten ein

Im März 2026 hat Meta elternverwaltete Konten für Kinder unter 13 Jahren angekündigt. Eltern sollen genau Kontakte und Gruppen steuern können. Kanäle, Status-Updates, Meta-AI und die Standortfreigabe sind für diese Accounts komplett gesperrt. Problem: Für über 13-Jährige gibt es weiterhin keine Einschränkungen.

Gleichzeitig bietet WhatsApp keine Möglichkeit, die Kanal-Funktion auszuschalten. Wer seinem Kind WhatsApp erlaubt, bekommt die Kanäle automatisch mitgeliefert. Ohne Altersüberprüfung und ohne Schutzmechanismus.

Was Eltern und Kinder wissen sollten

Soziologin Jen K. Hügel plädiert nicht für pauschale Verbote, sondern für Aufklärung und begleitetes Medienhandeln. Ihr Ansatz: Kinder müssen ein echtes Gespür für Social Media entwickeln – und das geht nur im Gespräch, nicht durch Verbote.

Tipps für Kinder und Jugendliche mit einem WhatsApp-Kanal:

  • Keine persönlichen Daten posten: kein Schulname, keine genaue Adresse, keine Ortsangaben
  • Vorsicht bei Fotos: anhand des Hintergrunds lässt sich oft viel mehr herausfinden, als man denkt
  • Keine Chatgruppen-Links veröffentlichen:  dadurch werden Handynummern von dir und deinen Followern für alle sichtbar
  • Das Internet vergisst nichts: was einmal online ist, kann gespeichert, geteilt oder missbraucht werden
  • Komisches Gefühl? Nicht posten – und immer eine vertraute erwachsene Person einweihen

Tipps für Eltern

  • Sprecht mit euren Kindern und anderen Eltern über WhatsApp-Kanäle – viele Eltern wissen noch nicht einmal, dass es sie gibt
  • Fragt offen nach, ob euer Kind einen Kanal betreibt oder einem folgt, macht keine Vorwürfe
  • Schaut gemeinsam rein und besprecht, welche Informationen dort zu sehen sind
  • Erklärt, warum Spiegelselfies, Turnfotos oder Alltagsberichte sensibel sein können

Wie gehen andere Länder mit Social-Media um?

In Australien wurde im Dezember 2025 Social Media für unter 16-Jährige per Gesetz verboten. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hatte sich zu möglichen Einschränkungen für Kinder auf Social Media geäußert. 

Außer Acht bleibt dabei: WhatsApp gilt als Messenger-Dienst und fällt nicht automatisch unter solche Regelungen.

Was macht das mit dir? Hinterlasse deine Gedanken dazu auf Social-Media:

Instagram

Facebook

Außerdem liegt die Verantwortung nicht nur bei den Eltern. Auch Schulen und Plattformbetreiber müssen stärker eingebunden werden, um Medienkompetenzen zu fördern und Risiken zu begrenzen. Das zeigt auch die Studie der Landesanstalt für Medien NRW.

Die EU fordert, dass unter 13-Jährige Social-Media-Plattformen nicht nutzen dürfen und strengere Regeln für Social-Media gelten. Ob und wie das in der Praxis kontrolliert werden kann, bleibt jedoch offen.

Fest steht: Technische Lösungen allein reichen nicht. Solange Jugendliche ab 13 Jahren ohne Einschränkung öffentliche Kanäle betreiben können und Eltern keine Möglichkeit haben, diese Funktion zu deaktivieren, liegt die wichtigste Schutzmaßnahme woanders – beispielsweise im Gespräch.